Ich dachte wie ein Kind: Die Vergangenheit brauche ich nicht.
Mir fiel nie ein, dass die Vergangenheit mich brauchen könnte.
(Jonathan Safran Foer)
Zur Einhegung von Macht gehört Erinnerung und Anerkennung des Gewesenen.
Erinnerungskultur. Dieser Leitbegriff, der seit den neunziger Jahren in der Geschichtswissenschaft verwendet wird, steht für alle denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse. Zugleich beschreibt er die Verbindung zwischen Geschichte, kollektivem Gedächtnis, öffentlichem Gedenken und Politik. Er umfasst wissenschaftliche Erörterungen genauso wie individuelles erinnern. Felix Bohr, „Die Kriegsverbrecherlobby“, Suhrkamp.
Individuelles und kollektives Gedächtnis.
Maurice Halbwachs, französischer Soziologe und Philosoph, der im KZ Buchenwald ermordet wurde, dessen Werk bis heute das Konzept des kollektiven Gedächtnisses maßgeblich mitprägt: „Es führt kein direkter Weg von individuellen Erfahrungen und Erinnerungen zu einem kollektiven Gedächtnis. Dieses ist keine Ansammlung von Einzelerinnerungen, sondern eine rekonstruierte Geschichte. Das kollektive Gedächtnis ist im doppelten Sinn repräsentativ: Es repräsentiert einen als zentral bewerteten Ausschnitt der Vergangenheit und ist repräsentativ für Einzelschicksale. Dabei geht es immer um die doppelte Frage: Was wollen wir erinnern, was können wir vergessen? Diese Frage muss von Mal zu Mal unterschiedlich beantwortet werden – genau darin liegt die Dynamik des Erinnerns als eines unabschließbaren Prozesses.“ (Aus: Aleida Assmann, Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur, C.H.Beck, 2019)
Kollektive und individuelle Erinnerung stehen oftmals im Spannungsfeld der unterschiedlichen Interessen und Bewertungen.
Nicht das Erinnern, sondern das Vergessen war nach dem verheerenden 2. Weltkrieg angesagt: Die alten Nazis unterwerfen sich dem entstehenden Demokratisierungsprozess, dafür wird deren NS-Vergangenheit nicht mehr erwähnt. Hermann Lübbe, Philosoph und Kriegsteilnehmer, beschreibt das mit „kommunikatives Beschweigen“. Ein Tabu über das, was alle wussten. Er hält nichts von historischen Rückblicken, dem Eingestehen von Fehlverhalten und politischer Reue. Er setzt nicht auf Bekehrung, sondern auf „lebenserfahrungsbefestigte Anpassung ans Bessere“.
Er folgert: Wenn der Krieg verloren ist, verlieren die Deutschen zugleich auch die Hoheit und Kontrolle über ihr nationales Gedächtnis. (Was die Opfer in guter Erinnerung behalten haben, darüber können sich die Täter dann nicht so einfach hinwegsetzen.)
Ebenso durfte der Widerstand nicht benannt werden, hätte dieser doch die Mitmacher und Mitläufer desavouiert.
Mit dieser Einstellung wurde die individuelle Verarbeitung behindert, die traumatischen Erfahrungen der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen konnten nicht thematisiert werden. Einerseits nicht die unter den Kriegshandlungen Traumatisierten, andererseits nicht die politisch, „rassisch“ und sozial Verfolgten des NS-Regimes.
Im Gegenteil, Kommunisten waren immer noch Feinde, und Schwule und sogenannte Asoziale wurden immer noch im Verbund mit den Kirchen ausgegrenzt oder gar kriminalisiert.
Antisemitismus existierte nach wie vor, aber jetzt nur noch hinter vorgehaltener Hand.
Vor allen Dingen die enge Verknüpfung zwischen dem Geist der Adenauerregierung und der katholischen Kirche, mit der viele Mitglieder der ehemaligen Zentrumspartei aus der Weimarer Republik eng verbunden waren, wurden im Zusammenhang mit einer traditionell konservativen Familienpolitik zur ethischen Richtschnur in der jungen Demokratie. Dazu gehörte die Infantilisierung der Hälfte der erwachsenen Bevölkerung, der Frauen.
Die katholische Kirche, die 1933 kein Problem damit hatte einen „Separatfrieden“ mit den Nazis abzuschließen und `45 vielen von ihnen die Flucht ins Ausland ermöglichte, über die sogenannte "Rattenlinie Süd".
Ebenso Konrad Adenauer, selber von den Nazis verfolgt, bindet nach dem Krieg die alten Eliten ein. Der augenfälligste war Hans Globke, als Chef des Bundeskanzleramts, Verwaltungsjurist, der die Nürnberger Rassegesetze 1935 kommentierte. Weniger im Rampenlicht stand Reinhard Gehlen, der erste Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Umso gefährlicher für den Neuanfang. Klaus-Dietmar Henke, Historikerkommission zur Erforschung des BNDs: Die Beiden sind nie in der Demokratie angekommen und begehen gemeinsam mit Adenauer ein „Demokratieverbrechen“ bei der Ausforschung von demokratischen Parteien in den ersten Jahren der jungen BRD.
Ein Ritt auf dem Vulkan.
Nach der erlebten Ohnmacht durch die Gewalt in der NS-Zeit entstand jetzt für deren Betroffene eine Ohnmacht gegenüber der eigenen Lebensgeschichte. Alle wurden zu Opfern erklärt, deutlich wird das auf den „Kriegerdenkmälern“. Die Kriegsopfer und die Bevölkerung entledigen sich der NS-Zeit. Das kollektive Gedächtnis dient der Verdrängung und Abspaltung.
Das passte in die westliche Wertegemeinschaft, die die BRD auf dieser Seite des „Eisernen Vorhangs“ integrieren wollte. Der Feind stand diesmal weiter im Osten. Das Wissen der Deutschen war gefragt, in der Raketen-Physik, Technik zur Informationsgewinnung, Umgang mit Widerstand usw.
Winston Churchill sagte 1946: Wir alle müssen den Gräueln der Vergangenheit den Rücken zuwenden. Wir müssen in die Zukunft schauen. (…) Wenn Europa vor endlosem Unheil und endgültigem Untergang gerettet werden soll, müssen wir es auf einen Akt (…) des Vergessens aller Verbrechen und Irrtümer der Vergangenheit gründen. Randolph S. Churchill (Hrsg.), The Sinews of Peace. Post-War Speeches by Winston S. Churchill , London 1948, 200.
Damit haben sich die Europäer gegenseitig einen „Persilschein“ ausgestellt, über den Holocaust und die Kolonialverbrechen ... auch die noch folgen sollten. Eine gesamteuropäische Amnesie und Amnestie.
Theodor Heuss, der erste Bundespräsidenten der BRD, der `33 noch für das Ermächtigungsgesetz Hitlers gestimmt hatte, gab die Richtung der kollektiven Erinnerung vor: „Die Deutschen waren die ersten Opfer Hitlers … .“ Eine unzulässige Externalisierung. Sie wurden eher zu den letzten Opfern ihrer selbst.
Erinnern schlecht, Vergessen gut.
Auf den Nenner könnte man das gemeinsame Interesse der ersten 20 Jahre nach Kriegsende bringen.
Der Holocaust hatte da noch keinen Platz im Gedenken der Völker. Das änderte sich ab 1963 mit den Auschwitzprozessen, angestrengt von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. In Stuttgart als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, konnte er sich während der NS-Zeit nach Dänemark/Schweden retten. Die Student*innen in den 60er Jahren aktivieren sich durch die Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer, die nach `45 wieder nach Deutschland zurückkehren. Die Mitscherlichs tragen mit dem Buch: „Die Unfähigkeit zu trauern“ zum Verstehen bei.
Die Student*innen rechnen mit der Vätergeneration ab, reflektierten dabei aber nicht "die Möglichkeit ideologischer oder politischer Kontinuität" in ihrer Gegenwart: "Ihr Selbstbild ließ es nicht zu", soweit Götz Aly. In der Ablehnung sind sie klar, darin finden sie Orientierung, in der Gestaltung der Zukunft fehlt sie noch.
Mit ihrem Protest boten die Kinder den Eltern ein Vorbild, wie diese sich damals hätten richtig verhalten sollen. So hat Peter Sloterdijk das Selbstbild seiner Generation etwas despektierlich karikiert: "Wir haben von 1967 bis zur Baader-Meinhof-Krise 1977 Volksfront gespielt und tapfer Hitlers Aufstieg verhindert, (…) auch wenn es um ein halbes Jahrhundert verrutscht war."
Schweigen galt jetzt als „zweite Schuld“, Ralph Giordano: Wer schweigt, macht sich schuldig.
Von nun an galt: Erinnern gut, Vergessen schlecht.
Diese moralische Anklage gegen die Kriegsgeneration richtete sich zugleich politisch gegen die neue Bundesrepublik.
Was durchaus nachvollziehbar war, da die Gesellschaft an hohen Stellen durchsetzt war mit alten NS-Kadern oder ehemaligen Offizieren der Wehrmacht, die keine Anstalten machten sich und ihr Verhalten während der NS-Zeit öffentlich zu hinterfragen. So wie Franz Josef Strauß (CSU), der Ausbildungsoffizier, Abteilungsadjutant und Offizier für wehrgeistige Führung bei der Flakartillerieschule Altenstadt bei Schongau war. In ihren Schulungen indoktrinierten die NS-Führungsoffiziere Millionen von Wehrmachtsangehörigen mit antisemitischer Propaganda wie der Vorstellung, Juden wären Parasiten und gehörten ausgerottet.
Helmut Schmidt (SPD), Oberleutnant in der Wehrmacht. Seine Einheit hat u. a. an der Leningrader Belagerung teilgenommen und er erhielt in dieser Zeit das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
Nach eigenen Aussagen, war der Wunsch nach einem "Eisernen Kreuz" der Grund, weshalb er sich 1941 beim Überfall auf die Sowjetunion freiwillig an die Ostfront gemeldet hat: "Ich habe Menschen getötet. Wir haben Flugzeuge abgeschossen und Dörfer in Brand geschossen, aber unsere Gegner haben wir nicht gesehen". Sich selbst beschrieb er als Nazigegner, er war nur Soldat (für Hitler und dessen Naziideologie). Was für eine perverse aber häufig vertretene Rechtfertigung.
Vor allen Dingen, wenn man bedenkt, dass Helmut nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 als sogenannter Viertel-Jude galt. Was er aber verheimlichen konnte, da sein jüdischer Großvater der uneheliche Erzeuger seines Vaters war. Seine Mutter hatte ihm das als Jugendlichen unter Stillschweigen bekannt, sonst hätte er schon die Hitlerjugend wieder verlassen müssen.
Die Frage bleibt, wie groß der innere Widerspruch nach `45 gewesen ist, hatte er doch mit Hitler sein Soldatenimage aufpoliert und musste nun von all den Verbrechen erfahren, denen er als Offizier im Osten Raum verschafft hatte - vom Überfall der Wehrmacht ganz zu schweigen.
Seine mangelnde Demut gegenüber seinem Handeln als Soldat äußerte sich in Distanzierung, nach `45 betitelte er Hitler nur noch mit „Adolf Nazi“.
Oder Martin Schleyer, Wirtschaftsmanager und Arbeitgeberpräsident, der den Offiziersrang eines SS-Hauptsturmführers innehatte.
Erst haben sie als Soldaten den Terror nach Europa getragen und am Ende die Befreiung hinausgezögert, anstatt der 6. Armee in Stalingrad zu folgen und sich zu ergeben. Was vielen Menschen auch in den Konzentrationslagern noch das Leben gerettet hätte. Anne Frank hätte ihre Tagebuchaufzeichnungen nach dem Krieg sicher gerne selber vorgelesen.
Doch auch Willy Brandt (SPD), ehemals im Widerstand, verhielt sich ambivalent. Einerseits trieb er die Ostentspannung voran, mit dem Kniefall in Warschau vor 50 Jahren setzte er den moralischen Kontrapunkt zu den revisionistischen Ansichten konservativer und rechter Kreise aus der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, z.B. dem „Bund der Vertriebenen“ und schloss die Ostverträge u.a. mit Moskau und Warschau ab. Andererseits bemühte er sich um die Freilassung verurteilter Nazischergen im Ausland. So wie die Regierungen vor und nach ihm.
Nicht nur das, sie wurden durchgehend von den Bundesregierungen finanziell unterstützt. Die aus heutiger Sicht irritierend intensiven Hilfeleistungen sind nur nachzuvollziehen, wenn man die Geschichte der Bonner Republik als „zweite Geschichte“ des Nationalsozialismus begreift. Norbert Frei, Historiker.
Mit der Ermordung Schleyers durch die selbsternannten Rächer der „RAF“ verändert sich die Republik.
1979 bringt die Wende in der Wahrnehmung zumindest der jüdischen Opfer. Die im westdeutschen Fernsehen ausgestrahlte U.S.-Serie "Holocaust" löst eine breite gesellschaftliche Erschütterung und Empathie mit den Opfern des NS-Regimes aus. Mit den 80ern begann eine mentalitätsgeschichtliche Wende, hin zu den Menschenrechten als normative Grundlage für politisches Handeln.
Nicht unbedingt mit Helmut Kohl als Bundeskanzler.
"Seit der Wende zu Helmut Kohl von 1982/83", so Edgar Wolfrum, "[beherrschten] die Öffentlichkeit zahlreiche geschichtspolitische Kontroversen". Denn der Bundeskanzler hatte nicht nur mit dem Satz von der "Gnade der späten Geburt“ bei seinem Staatsbesuch in Israel 1984 den Eindruck erweckt, dass die Schuld an Nationalsozialismus und Holocaust relativiert werden solle. Wobei Adenauer 1966 bei seinem Israelbesuch noch deutlicher war, wie Hans Ulrich Kempski (Journalist) berichtete: „Die Nazi-Zeit hat ebenso viele Deutsche wie Juden getötet … Wir sollten diese Zeit nun in Vergessenheit geraten lassen.“ (Interessant die Unterscheidung zwischen Deutschen und Juden. Der Einfluss Globkes wirkte immer noch.)
Auch der so genannte "Bitburg-Skandal" beförderte diese Befürchtungen: Gemeinsam mit U.S.-Präsident Ronald Reagan hatte Kohl am 5. Mai 1985 Kränze auf dem Soldatenfriedhof Bitburg-Kolmeshöhe niedergelegt, wo auch Mitglieder der Waffen-SS bestattet waren.
3 Tage später hält der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine Rede zum 40jährigen Kriegsende.
"Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft." So lautet die wohl am häufigsten zitierte Sentenz aus Weizsäckers Gedenkrede von 1985.
(Für Auschwitz mag das zutreffen, aber haben die Alliierten uns von uns selbst befreit oder war es vielmehr eine "Niederlage" der NS-Gewaltherrschaft, deren Kräfte noch wirksam waren?)
Mit fünfunddreißig Jahren Abstand ist zu fragen, inwiefern die Worte des Bundespräsidenten dazu beitrugen, den Weg zu einer "Akzeptanzkultur", also einer Erinnerungskultur im Zeichen der Annahme der nationalsozialistischen Vergangenheit, zu ebnen. Mit diesem Begriff charakterisierte Martin Sabrow (Historiker) unlängst die aktuelle Phase der deutschen Geschichtskultur, die nach der einstigen "Stolz- und der späteren "Schamkultur" nun von "Akzeptanz" gekennzeichnet sei; Martin Sabrow, Schattenorte, in: Merkur 69 (2015), S. 77–84, hier S. 83.
Sprach v. Weizsäcker dabei, wie Helmut Dubiel (Soziologe) meint, "aus der Perspektive der ihre Verantwortung reflektierenden Tätergeneration"?
Biografisch stellte sich die Frage nach der persönlichen Verantwortung für Weizsäcker jedenfalls, hatte er doch als junger Wehrmachtsoffizier vom ersten Tag an am Zweiten Weltkrieg beim Überfall auf Polen teilgenommen und seinen Vater, den NS-belasteten Diplomaten Ernst von Weizsäcker, im gegen die Mitarbeiter des deutschen Außenministeriums geführten "Wilhelmstraßen-Prozess" 1947-1949 als Anwalt verteidigt.
Der Vater wurde wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt. Richard bezeichnete das Urteil als „historisch und moralisch ungerecht“.
Sein damaliger Pressesprecher im Bundespräsidialamt, Friedbert Pflüger, konnte ihn nur mit Mühe dazu überreden, den Absatz über eine "Freilassung aus humanitären Gründen von Rudolf Heß" aus der Gedenkrede zu streichen. Von Weizsäcker holte dies in seiner Weihnachtsansprache 1985 nach. Felix Bohr, „Die Kriegsverbrecherlobby“, Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter, Suhrkamp.
Wie geschichtspolitisch aufgeladen die 1980er Jahre auch nach der Gedenkrede blieben, zeigte sich, als 1986 der "Historikerstreit" um die Ansichten des Historikers Ernst Nolte eskalierte, der unter anderem die Singularität des Holocaust in Frage stellte. 1988 sorgte die Rede von Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) zum 9. November, in der er – rhetorisch ungeschickt – die Täterperspektive wählte, um an die Pogromnacht 1938 zu erinnern, für einen Skandal. Aus: Katrin Hammerstein, Birgit Hofmann, "Wir […] müssen die Vergangenheit annehmen" - Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985, in: Deutschland Archiv, 18.12.2015, Link: www.bpb.de/217619
Mit den 90ern entsteht etwas Neues in der Erinnerungskultur, ihr ethischer Rahmen. Die Macht der Ohnmächtigen im Rahmen einer neuen Politik der Menschenrechte.
Die Menschen in der DDR lösen ihren Staat auf, begünstigt durch die Veränderungen in der Sowjetunion. Bis dahin wähnte man sich kollektiv auf der Seite der Opfer und Widerstandskämpfer des Faschismus, man hatte diese Phase der Geschichte externalisiert. Aber, wer rechtzeitig kommt hat die Chance auf Veränderung.
Wie nach `45 entstehen auch nach `89 unterschiedliche Interpretationen des Gewesenen, je nach Interessenslage. Vergessen oder aufarbeiten? Diesmal ist der Vorteil, dass es eine kritische demokratische Masse im vereinigten Gesamtdeutschland gibt, die ein Vergessen nicht akzeptiert. Die Opfer können mit Hilfe der Stasi-Unterlagen-Behörde ihre Betroffenheit aufarbeiten und die Täter können benannt werden, das Prinzip von Wahrheitskommissionen. Damit werden sie zu einem Aspekt der gesamtdeutschen kollektiven Akzeptanz-Erinnerungskultur, die DDR-Geschichte wird integriert. Vergangenheitsbewahrung und Vergangenheitsbewältigung ergänzen sich.
Die von konservativer Seite aus dem Westen gerne benutzte Rede von den «beiden totalitären Systemen in Deutschland» wurde damals von Salomon Korn mit dem Hinweis kritisiert, man versuche, «das SED-Unrecht möglichst nah an das des Nationalsozialismus heranzurücken».
Der Historiker Bernd Faulenbach rückte es wieder ein Stück zurecht: "1. Die Erinnerung an den Stalinismus darf die Erinnerung an den Holocaust nicht relativieren. 2. Die Erinnerung an den Holocaust darf die Erinnerung an den Stalinismus nicht trivialisieren." Das war klug.
Aleida Assmann spricht heute von ethischer Erinnerungskultur und zitiert dabei Volkhard Knigge, den Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Es geht dabei um «die kritische Auseinandersetzung mit Staats- und Gesellschaftsverbrechen – gerade aus der Sicht der Opfer». Mithilfe von deren Zeugenschaft können «empfindliche Lücken der Überlieferung geschlossen werden» und die «zu Opfern gemachte(n) Menschen (…) zugleich ihren Subjektstatus zurückerobern und festigen».
Hannah Arendt entwickelte schon 1950 ihr Konzept einer ethisch motivierten Erinnerung, als Grundlage einer neuen Erinnerungskultur, die aber erst drei bis vier Jahrzehnte später in den 1980er und 1990er Jahren zum Tragen kommt.
Eine ethische Prämisse, die das Erinnern an den universalistischen Wert der Menschenrechte bindet und damit der Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart eine ganz neue Qualität gibt. Es geht um die noch kaum gehörten Stimmen, die die Hypothek einer noch unerledigten Vergangenheit einklagen. Diese Vergangenheit ist deshalb noch nicht vergangen, weil sie einen Anspruch auf Anerkennung, Wiedergutmachung, Versöhnung oder Erinnerung mit sich führt.
Sich an etwas, das man lieber vergessen möchte, zu erinnern, entspricht keinem anthropologischen oder identitätssichernden Bedürfnis und macht deshalb den ethischen Charakter dieses Vergangenheitsbezugs aus. (Aleida Assmann)
Empathie wird zum Leitmotiv. Eine menschliche Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln, ohne dabei die eigene Ichposition aufzugeben.
Gunter Demnig startet 1996 das opferzentrierte Projekt „Stolpersteine“. Das mittlerweile mit 75.000 Steinen in 1265 deutschen Kommunen und in 24 Staaten Europas seit Jahren das größte dezentrale Mahnmal der Welt ist. Es ermöglicht den Nachkommen der geflüchteten oder ermordeten Juden ihre Erinnerung zu verorten und dort ihrer Familienangehörigen zu gedenken. Einerseits wird mit dem Stein zwar deutlich, dass sie dort gelebt haben, andererseits ist damit auch eine Distanzierung der örtlichen Bevölkerung möglich, denn umgekommen sind sie woanders. Ob sie zu einem Symbol der Integration werden und wieviel Verständnis heute entsteht über die damalige Ausgrenzung aus der Gemeinschaft, hängt von der Bereitschaft zur Empathie und dem politischen Willen der Menschen vor Ort ab.
Das kulturelle Muster der offiziellen deutschen Erinnerungspraxis ist die opferzentrierte Erinnerung. Das hat zur Folge, dass sehr viel mehr von jüdischen Opfern die Rede ist als von deutschen Tätern, so Aleida Assmann. Max Czollek, Publizist, kritisiert, dass die Nationalsozialisten allmählich aus dem Bewusstsein der nachwachsenden Jugend verschwinden.
Winfried Nerdinger hat in München 2015 das NS-Dokumentationszentrum eröffnet, das die Täter in den Mittelpunkt stellt. Er hat die begriffliche Unterscheidung von „Gedenken“ und „Erinnern“ vorgeschlagen. Das Gedenken gilt den jüdischen Opfern und Widerstandskämpfern (den NS-Opfern insgesamt), während sich das Erinnern auf die Täter bezieht, keinen rituellen Charakter hat und auf Aufklärung und Wissen ausgerichtet ist. In Deutschland hat die opferzentrierte Erinnerung lange Zeit dazu geführt, dass man von den Tätern nichts mehr wissen wollte. Die Aufklärung trat hinter das Gedenken zurück.
Mit der Konsequenz, nachlesbar in der MEMO-Studie 2019, dass die Nachgeborenen zu der Annahme gelangten, dass ihre Eltern und Großeltern sich durchaus im Widerstand befunden hätten, bis hin zu Widerstandskämpfern mutierten. „Die Hälfte der Befragten ging davon aus, dass ihre Familienmitglieder nicht zu den Mitläufer*innen des NS-Systems gehörten.“
Die erneut durchgeführte MEMO-Studie 2020 kommt zu dem Schluss, dass eine vielfältige Erinnerungskultur notwendig erscheint, die Menschen über Faktoren wie Alter, Bildungsstand oder Migrationsgeschichten hinweg einbindet, die neben einem „Erinnern an“ auch ein „Auseinandersetzen mit“ ermöglicht und die die Komplexität historischer Ereignisse und ihrer gesamtgesellschaftlichen Kontexte verdeutlicht, um zu verhindern, dass Rechtspopulismus und Geschichtsrevisionismus in entstehenden Wissenslücken verfangen können.
"Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung", ist ein altes jüdisches Sprichwort.
Zusammenfassend bleibt Ernüchterung:
Erinnerung ist zwar eine anthropologische Größe, aber immer auch Mittel zum Zweck.
Was nützt uns Erinnerung, wenn wir daraus keine konstruktiven Konsequenzen für die Gegenwart ziehen?
Letztlich wird das als kollektive Erinnerung in einer Gesellschaft anerkannt, was im politischen Mainstream der Zeit die bestehenden Strukturen nicht gefährdet.
Z.B. wurde in Russland lange nicht über die Stalinzeit gesprochen, (jetzt wieder, allerdings wird Stalin von Putin verbrämt) in Frankreich nicht über seine Kolonialzeit und in Deutschland nicht über seine ehemaligen NS-Unterstützer*innen in der Bevölkerung.
Damit wird kommunikatives Lernen und Handeln aus den Erkenntnissen erschwert. Darunter fällt auch der Umgang mit den Kriegerdenkmälern.
Die Medien sind ein wichtiger Teil des kollektiven Gedächtnisses. Information und Erinnerung bedingen sich. Welche Erkenntnis daraus folgt und ob wir in Handlung gehen, ist ein komplexer Vorgang, in dem Angst eine wesentliche Rolle spielt. Positive Erkenntnis braucht historische, soziale und psychische Kompetenz, dem Leben zugewandte Orientierung. Ohne Information bleibt die Erinnerung eine individuelle Angelegenheit, kann man nur das erinnern was man selbst erlebt hat, mal abgesehen von transgenerationalen Anteilen.
Wenn wir wollen, dass die jungen Menschen unter den Aspekten von Wahrheit, Gerechtigkeit und Mitgefühl auf unsere Geschichte des letzten Jahrhunderts schauen, dann müssen wir ihnen mit Wahrheit, Gerechtigkeit und Mitgefühl begegnen.
Veränderung ist möglich, was der Blick auf die letzten 75 Jahre zeigt und ist Ausdruck der Entwicklung einer Gesellschaft.
Von der verdrängenden Erinnerungs-Kultur über eine akzeptierende hin zur ethischen Erinnerungs-Kultur.
Solange aber patriarchale „Großartig- und Fehlerlosigkeit“ als Richtschnur politischen Handelns vorherrschen, wird weder der Blick zurück ehrlich und konstruktiv sein, noch erkenntnisreich gerechte und konstruktive Lösungen in der Gegenwart zum Tragen kommen können.
Wenn ein heutiger Politiker von der NS-Zeit als „Vogelschiss in der 1000-jährigen deutschen Geschichte“ spricht, dann beinhaltet das außer der Relativierung der NS-Zeit eine weitere wesentliche Aussage. Nämlich, dass es fortlaufend eine deutsche Geschichte im Sinne einer homogenen Vergangenheit gäbe. Mal abgesehen davon, dass es zwischenzeitlich zwei deutsche Staaten gab, wird damit die deutsche Gesellschaft auch nicht als Zuwanderungsgesellschaft in einem europäischen und internationalen Verbund wahrgenommen, sondern christlich, männlich, weiß und von einigen sogar arisch beschrieben. Schon heute wird von einem Viertel der deutschen Gesellschaft mit einem Migrationshintergrund eine andere Geschichte erinnert. Und wenn die Frauen erst konsequent anfangen, ihre Geschichte aufzuschreiben, bleibt von den ganzen aufgeblasenen Heldenmythen der Männer und deren Verdrängungen der weiblichen Sozialgeschichte vielleicht nicht mehr als ein Vogelschiss übrig.
Die Geschichte Deutschlands wird fortgeschrieben, die Verantwortung bleibt.
Unser Erbe ist nicht die Schuld unserer Vorfahren, unser Erbe ist die Verantwortung zur Erinnerung des Gewesenen.
KPK
Kriegerdenkmal.org
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